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Stadtgrün – brauchen wir das?

Stadtparks, Alleen, Balkonpflanzen, Friedhöfe, Kleingärten, Sportflächen, Efeu an Häuserfassaden, Wildwuchs, der versucht sich sein Revier zurückzuerobern. All das sind alltägliche Eindrücke des Lebens in unseren Städten. Oft nehmen wir sie als gegeben hin, als simple Verschönerung zwischen ewigen grauen Gebäuden. Aber steckt dahinter vielleicht sogar eine Struktur, eine gesetzliche Vorgabe oder gar ein Nutzen? Wie wichtig Grün- und Ausgleichsflächen wirklich für ein Leben in der Stadt sind, möchten wir euch in diesem Beitrag genauer erklären.

Deutschland wird immer urbaner. 2020 lebten ca. 32 % der Deutschen in Mittel- und 28 % in Großstädten. Global gesehen lebt bereits die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. Tendenz steigend. Forscher gehen davon aus, dass es 2050 sogar zwei Drittel sein werden. Noch eindringlicher lässt sich das in der Verstädterung selbst darstellen: In den Jahren 2012 bis 2015 wurden, laut Umweltbundesamt, durchschnittlich pro Tag 66 Hektar Fläche, also etwa 92 Fußballfelder, meist aus Landwirtschaft oder freier Grünfläche, in Siedlungs- oder Verkehrsfläche umgebaut. Davon wurden wiederum etwa 50% versiegelt, sodass die natürliche Oberfläche keinen oder kaum einen Austausch mit der Umgebung hat.

Der Mensch

Die „Erfindung“ des Stadtgrüns geht auf die Zeit der Industrialisierung zurück. Städte wurden als Produktionsstätten gesehen, man lebte in ihnen, um zu arbeiten und das auf engstem Raum. Begrünte Flächen sollten der Naherholung dienen – und tun es auch noch.

Grünflächen in Städten sind Orte der Begegnung, für sportliche Aktivität oder dienen dem Stressabbau. Bereits bei der kindlichen Entwicklung konnte gezeigt werden, dass das Spielen im Wald oder auf Grünflächen die sozialen Kompetenzen fördert, die Konzentration und Selbstständigkeit und die kognitiven und motorischen Fähigkeiten verbessern kann. Zudem brauchen Kinder Bewegung und dafür ausreichend Raum – Erwachsene aber auch.

Sportliche Aktivitäten, die draußen im Grünen mehr Spaß machen als in einem Fitnessstudio, dem engen Ein-Zimmer-Apartment oder zwischen hupenden Autos, fördern merklich die Gesundheit. Auch bereits ein Spaziergang von 20 Minuten in einer grünen Umgebung soll Stresshormonlevel drastisch senken und die Herzfrequenz regulieren. Zusätzlich kann die Zeit bereits reichen, um ausreichend Sonne zu tanken, um das notwendige Vitamin D wieder aufzufüllen. Ein weiterer gesundheitlicher Aspekt stellt die Ruhe da, die Grünflächen oft innehaben, da besonders hohe Bäume einen Lärmschutz bieten. In einem Alltag, mit ständiger Erreichbarkeit und Bildschirmen, kann die Kombination aus Ruhe und frischer Luft dem Gehirn helfen, all diese Eindrücke zu verarbeiten und zur Ruhe zu kommen. Man denkt wieder klarer, Druck lockert sich, Kreativität wird gesteigert, Stress wird reduziert und die Belastbarkeit wieder erhöht.

Besonders wichtig beim Thema Grünflächen und nicht zu vergessen: Pflanzen helfen Feinstäube und andere Schadstoffe aus der Luft zu filtern. Die Luft ist frischer und besser für die Lunge. Ganz allgemein sind unsere Pflanzen die Lieferanten unseres Sauerstoffs und damit nicht aus unserem Leben wegzudenken. Zudem spenden Bäume Schatten und sorgen durch das Verdunsten des an ihren Wurzeln aufgenommenen Wassers über ihre Blätter für eine natürliche Kühlung. Was besonders in unserer Zeit der Klimakrise und der immer heißer werdenden Sommer eine unbeschreiblich wichtige Fähigkeit darstellt.

Die Natur

Vom Menschen zur Natur:

Wie ergeht es Tier- und Pflanzenarten in Millionenstädten? Es konnte herausgefunden werden, dass im urbanen Raum oft mehr verschiedene Tier- und Pflanzenarten als im unmittelbaren Umland leben, das von großflächiger Landwirtschaft mit industrieller Monokultur geprägt ist. Besonders diese große Vielfalt an Arten unterstützt wiederum die Vielfalt und Verbreitung. Ein Beispiel: Verschiedene Vogelarten präferieren verschiedene Beeren. Ihre Samen werden nicht verdaut, sodass Vögel automatisch bei der Ausbreitung dieser Beeren mithelfen. Hierdurch gibt es für die Vögel mehr zu fressen, wodurch auch mehr Vögel überleben und mehr Nachwuchs möglich ist. Ein Kreislauf. Besonders große Bäume bieten ein Biotop in sich und sind Heimat vieler Tierarten, wie Vögel, Eichhörnchen, Fledermäuse und zahlreiche Insekten.

Und dabei ist es eigentlich überraschend, wie hoch die Vielfalt an Pflanzen in Städten ist. Die meisten, der in Städten vorkommenden Arten, bevorzugen magere, kalkhaltige und nährstoffarme Lebensräume. Genau die sind in überdüngten Agrarregionen nicht zu finden. Dennoch muss auch bei der Auswahl der Stadtpflanzen umgedacht werden: Für viele der heimischen Arten dürfte es in naher Zukunft bald zu heiß und zu trocken in Städten werden. Hierbei geht es besonders um Rosskastanien, Winterlinden und Platanen. Die für sie unpassende Umgebung schwächt sie, weshalb sie zusätzlich noch mit Infektionen, Pilzen, usw. zu kämpfen haben. Mögliche Alternativen sollen hierbei die Silberlinde, die morgenländliche Platane und neue Ahornsorten sein. Neben der Hitze macht auch die Oberflächenverdichtung und der Untergrundausbau den Bäumen zu schaffen. Die Versorgung mit Sauerstoff durch den Oberflächenaustausch, aber auch mit Nährstoffen und Wasser durch, auch noch viel zu selten, fallenden Regen sind stark limitiert. Auch vom vermehrt aufkommendem Starkregen profitieren die Bäume nicht. Der Boden ist zu verdichtet, sodass kaum Wasser aufgenommen werden kann und oberflächlich abfließt. Das Wasser fließt in die Kanalisation und wird so dem Wasserkreislauf der Pflanzen entzogen. Zu allem Übel vermehren sich Stürme, die den Bäumen zusätzlich zu schaffen machen und fortwährende Hundeexkremente, Müll und Streusalz.

Der Klimawandel

Jetzt haben wir sie schon genannt: Unberechenbare Wetterereignisse, die sich in den letzten Jahren, aber auch in der Zukunft, stark vermehren werden. Rekordsommer werden mehr (und das sagen wir, die das Glück haben in einer gemäßigten Klimazone zu leben), Starkregen und damit Überflutungen werden häufiger, der Ozean versauert, Arten sterben. Nicht nur fürs Klima, sondern auch für die Menschen, die in Städten leben, ist Stadtgrün daher nicht mehr weg zu denken. Pflanzen, insbesondere Bäume, filtern unsere verstaubte Luft, sorgen für Abkühlung und bieten eine Heimat für viele weitere Arten. Dennoch bedarf es weiterer Überlegungen und Umdenken, anstatt nur vermehrt Bäume zu pflanzen. Ein Beispiel: Wenn Starkregen zunimmt, können unsere bekannten Kanalisationen derartige Wassermassen nicht mehr fassen. Für Einzelfälle wurden vor Jahren Überlaufbecken eingerichtet. Diese füllen sich aber ebenfalls schnell, sodass das Wasser nur grob gereinigt in Seen und Flüsse abgeleitet wird. Was das wiederum mit unseren Seen und Flüssen macht, würde diesen Artikel sprengen. Eine Prämisse sollte daher sein, anstatt das Wasser schnell aus der Stadt zu bekommen, Oberflächenversiegelungen aufzubrechen, dem Wasser die Möglichkeit geben in den Boden zu gelangen, Sammelbecken vergrößern und sie mit einem Bewässerungssystem für die Pflanzen in den Städten auszustatten. So können mehr Pflanzen wachsen, mehr Wasser wird im Boden und von Pflanzen zwischengespeichert, Städte werden besser gekühlt und die Luft besser gereinigt.

Die Maßnahmen

Die Konkurrenz um Fläche ist groß, da auch Wohnraum bei einer immer stärker wachsenden Weltbevölkerung (und Verstädterung) vermehrt benötigt wird. Jedoch, sowohl das Bundesumweltministerium als auch verschiedene Bundesländer und Großstädte, haben eigene Pläne für einen Natur nahen Städtebau veröffentlicht. Dies sind zwar keine bindenden Verordnungen, sondern lediglich Vorgaben, die, wenn möglich, umgesetzt werden sollen, dennoch ist es ein Schritt in die richtige Richtung.

Vermehrt wird das Begrünen von Dächern und Fassaden eingefordert. Besonders Blüten tragende Pflanzen locken Nektar fressende Insekten an, welche wiederum die Pollen der Pflanzen verteilen und so zu ihrer Verbreitung beitragen. Die Begrünung durch die Einwohner wird sogar in mehreren Städten finanziell unterstützt: Die Stadt Berlin stellt Finanzierungshilfen für das Begrünen der Innenhöfe, Hamburg für das Bepflanzen von Flachdächern. Auch die EU, sowie Bund und Länder unterstützen Städte finanziell, wenn es um Grünflächen geht.

Nun die Fragen: Was kann man als Einzelner tun? Aktiv werden! Nicht für jeden sind politische Aktivität und Petitionen das richtige, und das ist auch nicht verwerflich. Man kann auch im Kleineren viel bewegen. Eine Möglichkeit ist es, teil der Urban-Gardening-Bewegung zu werden. Hierbei werden leerstehende Grundstücke begrünt oder gar Hochbeete für Gemüse gebaut. So unterstützt man nicht nur die Begrünung der Stadt, sondern kann auch nachbarschaftlich handeln. Weitere Möglichkeiten stellen die Bepflanzung des Balkons dar, das Aufhängen von Nistkästen an Hausfassaden, das Anbringen von Hängebeeten an Zäunen, das Säen von Wildblumen, das Aufstellen von Insektenhotels oder Vogelhäuschen. Der Stadtbaum vor deiner Wohnungstür freut sich, wenn du ihn in trockenen Sommermonaten einfach mal gießt. Sollte es eine Kastanie sein, sammele im Herbst herabfallendes Laub auf, um so die Larven der schädlichen Miniermotte zu minimieren.

Quellen

Ein Artikel von Karo Hots